Skylla und Charybdis in Homers Odyssee – Mythos, Begegnung und Interpretation

Skylla und Charybdis in Homers OdysseeKaum eine Episode in der antiken Literatur hat so nachhaltig das kollektive Gedächtnis geprägt wie die Begegnung des Odysseus mit Skylla und Charybdis. Noch heute beschreibt die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“ eine Situation, in der man zwischen zwei gleich schlechten Optionen wählen muss – ein Dilemma ohne Ausweg. Doch woher stammt dieser Ausdruck, was genau schildert Homer in seiner Odyssee und welche tiefere Bedeutung steckt hinter den beiden Meeresungeheuern? Dieser Artikel erklärt den mythologischen Hintergrund, beschreibt die Begegnung in Homers zwölftem Gesang und beleuchtet die Interpretationsebenen des Mythos bis in die Gegenwart.

Die Odyssee – zugeschrieben dem griechischen Dichter Homer und entstanden vermutlich im 8. Jahrhundert vor Christus – erzählt die zehnjährige Irrfahrt des Königs Odysseus nach dem Trojanischen Krieg. Auf dem Weg zurück nach Ithaka begegnet er einer Vielzahl von Gefahren und mythischen Wesen. Die Passage zwischen Skylla und Charybdis gilt dabei als eine der dramatischsten und inhaltlich dichtesten Szenen des gesamten Epos.

Wer sind Skylla und Charybdis?

Skylla und Charybdis sind zwei mythologische Meeresungeheuer, die in der Odyssee eine enge Meerenge bewachen – nach antiker Vorstellung häufig mit der Straße von Messina zwischen Sizilien und dem italienischen Festland identifiziert, auch wenn Homer selbst keinen geografischen Ort benennt. Die beiden Wesen stehen sich gegenüber, so dass jedes Schiff, das die Meerenge passiert, zwangsläufig einem von beiden gefährlich nahekommen muss.

Skylla wird im zwölften Gesang der Odyssee als sechsköpfiges, vielarmiges Monster beschrieben, das in einer Höhle hoch über dem Wasser lauert. Jeder ihrer sechs Köpfe besitzt drei Reihen messerscharfer Zähne. Wenn ein Schiff vorbeikommt, streckt sie ihre langen Hälse aus und schnappt mit jedem Kopf einen Seemann. Sie ist unbesiegbar und unsterblich – kein Kämpfer kann ihr etwas anhaben, und selbst Götter meiden ihre Nähe. Ihr Name bedeutet im Griechischen wahrscheinlich so viel wie „die Reißerin“ oder „die Zerfleischende“.

Charybdis hingegen ist das genaue Gegenteil in ihrer Erscheinung, aber nicht weniger tödlich. Sie wird als riesiger Schlund im Meer beschrieben, der dreimal täglich in gewaltigen Strudeln das Meerwasser einschluckt und wieder ausspeit. Jedes Schiff, das in ihren Sog gerät, wird unweigerlich verschlungen. Ihr Name leitet sich vom griechischen Wort für „verschlingen“ ab. Während Skylla aktiv angreift und gezielt tötet, ist Charybdis eine passive, aber absolut vernichtende Naturgewalt – ein brodelnder Abgrund, dem nichts entkommt.

Die mythologische Herkunft der beiden Ungeheuer

Die antike Mythologie liefert für beide Wesen unterschiedliche Ursprungsgeschichten. Skylla soll in einigen Versionen des Mythos ursprünglich ein schönes Mädchen gewesen sein, das entweder von der Zauberin Kirke oder von Amphitrite, der Gemahlin des Meeresgottes Poseidon, aus Eifersucht in ein Monster verwandelt wurde. Der Meeresgott Glaukos soll sich in Skylla verliebt haben, woraufhin die eifersüchtige Kirke das Wasser vergiftete, in dem Skylla badete – und sie damit in die grässliche Gestalt verwandelte, die Homer beschreibt.

Charybdis wird in anderen mythologischen Überlieferungen als Tochter des Poseidon und der Erdgöttin Gaia dargestellt. Sie soll einst eine gierige Riesin gewesen sein, die ganze Länder überflutete, um ihrem Vater Poseidon mehr Herrschaftsgebiet zu verschaffen – bis Zeus sie zur Strafe mit einem Blitz traf und in den brodelnden Meeresschlund verwandelte. Beide Ursprungsgeschichten haben gemeinsam, dass die Ungeheuer Opfer göttlicher Bestrafung oder Eifersucht sind – Wesen, die einst menschlich oder zumindest einer höheren Natur waren und nun in ihrer entstellten Form dienen müssen.

Die Begegnung in Homers zwölftem Gesang

Im zwölften Gesang der Odyssee wird Odysseus von der Zauberin Kirke gewarnt, dass er auf seiner Weiterreise an Skylla und Charybdis vorbei muss. Kirke gibt ihm eine klare, wenn auch grausame Empfehlung: Er soll Kurs auf Skylla halten und dabei sechs seiner Männer opfern – denn ein Angriff auf Charybdis würde das gesamte Schiff und alle Männer verschlingen. Sechs Tote seien besser als dreißig.

Odysseus kämpft innerlich mit dieser Entscheidung. Er fragt Kirke, ob er Charybdis bekämpfen und gleichzeitig Skylla abwehren könne – doch Kirke warnt ihn eindringlich: Skylla ist unsterblich und unbesiegbar, jeder Versuch, sie zu bekämpfen, würde nur Zeit kosten und das Schiff in Gefahr bringen. Odysseus solle rudern so schnell er kann und den Verlust seiner Männer als unvermeidlich akzeptieren. Diese Passage ist eine der wenigen in der Odyssee, in der Odysseus nicht durch List und Klugheit siegen kann – hier bleibt ihm nur die bittere Wahl zwischen zwei Übeln.

Als das Schiff die Meerenge passiert, hält Odysseus seine Männer in Unwissenheit über die drohende Gefahr durch Skylla – aus Angst, sie könnten in Panik die Ruder fallen lassen. Er selbst bewacht die Seite zu Charybdis, während Skylla von der anderen Seite zuschlägt. Sechs Männer werden von ihren langen Hälsen gepackt und verschlungen – in einer der eindringlichsten und brutal-realistischen Schilderungen des gesamten Epos strecken sie noch die Hände aus und rufen Odysseus‘ Namen, während sie in die Höhle gezogen werden. Odysseus nennt es später die grausamste Szene, die er auf seinen Irrfahrten gesehen hat.

Interpretation: Was steckt hinter dem Mythos?

Skylla und Charybdis sind auf mehreren Ebenen zu deuten. Auf der literarischen Ebene funktionieren sie zunächst als narrative Spannung und Prüfung des Helden – Odysseus, der sich durch Klugheit und List auszeichnet, steht hier vor einem Problem, das keine kluge Lösung kennt. Er kann nicht siegen, nur wählen welche Niederlage er erleidet. Das ist eine für die Odyssee ungewöhnliche Situation, die den Helden in seiner menschlichen Begrenztheit zeigt.

Auf einer allegorischen Ebene symbolisieren die beiden Ungeheuer die klassische Dilemma-Situation: Skylla steht für den gezielten, vorhersehbaren Verlust – sechs Männer, die mit Sicherheit sterben werden. Charybdis steht für die totale, unberechenbare Katastrophe – das vollständige Scheitern ohne jeden Überlebenden. Die Wahl zwischen einem begrenzten, kontrollierbaren Schaden und einem unkontrollierbaren Totalverlust ist ein universelles menschliches Entscheidungsproblem, das bis heute in Politik, Wirtschaft und Ethik relevant ist.

Auf einer tiefenpsychologischen Ebene, wie sie etwa der Mythenforscher Karl Kerényi oder der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung beschrieben haben, repräsentieren Skylla und Charybdis zwei archetypische Bedrohungen: die aktive, aggressive Vernichtung durch eine äußere Macht einerseits und das passive Verschlungenwerden durch einen unwiderstehlichen Sog andererseits. Beide Formen des Untergangs finden sich in menschlichen Ängsten immer wieder – die Angst vor dem gezielten Angriff und die Angst vor dem unkontrollierbaren Abgrund.

Skylla und Charybdis in der Nachwirkung

Der Einfluss des Mythos auf Literatur, Kunst und Sprache ist kaum zu überschätzen. Die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“ ist in viele europäische Sprachen eingegangen und beschreibt bis heute eine ausweglose Zwangslage. Im Englischen heißt es „between Scylla and Charybdis“, im Französischen „entre Charybde et Scylla“ – wobei die Reihenfolge im Französischen bezeichnenderweise vertauscht ist, da Charybdis dort als die schlimmere Bedrohung gilt.

In der Literatur haben unzählige Autoren auf den Mythos Bezug genommen – von Vergil in der Aeneis, der die Meerenge ebenfalls beschreibt, über Dante Alighieri bis hin zu James Joyce, dessen Roman „Ulysses“ die gesamte Odyssee als strukturelles Gerüst nutzt. Das neunte Kapitel des Ulysses – betitelt „Scylla und Charybdis“ – spielt im Dubliners National Library und verhandelt ästhetische und philosophische Gegensätze. Auch in der modernen Populärkultur, von Videospielen über Filme bis hin zu Fantasy-Literatur, tauchen die beiden Wesen immer wieder auf und bleiben so Teil des lebendigen kulturellen Gedächtnisses.

FAQ – Skylla und Charybdis in Homers Odyssee

In welchem Gesang der Odyssee begegnet Odysseus Skylla und Charybdis?

Die Begegnung mit Skylla und Charybdis findet im zwölften Gesang der Odyssee statt. Zuvor wird Odysseus von der Zauberin Kirke gewarnt und beraten, wie er die Meerenge am besten passieren soll. Der zwölfte Gesang enthält außerdem die Begegnung mit den Sirenen sowie die Episode mit den Rindern des Helios, die thematisch eng mit der Skylla-Charybdis-Passage verbunden ist.

Was ist der Unterschied zwischen Skylla und Charybdis?

Skylla ist ein sechsköpfiges Monster, das aktiv aus einer Höhle heraus angreift und einzelne Seeleute packt und verschlingt. Sie ist unsterblich und unbesiegbar. Charybdis hingegen ist ein gewaltiger Meeresschlund, der dreimal täglich das Wasser einschluckt und wieder ausspeit – wer in ihren Sog gerät, wird mit dem gesamten Schiff vernichtet. Skylla tötet gezielt und begrenzt, Charybdis vernichtet alles und jeden ohne Ausnahme.

Warum entscheidet sich Odysseus für Skylla statt für Charybdis?

Kirke rät Odysseus eindeutig, Kurs auf Skylla zu halten, weil die Alternative – der Sog der Charybdis – das gesamte Schiff mit allen Männern vernichten würde. Bei Skylla verliert er sechs Männer, bei Charybdis verliert er alles. Es ist eine rationale, wenn auch herzlose Entscheidung: Der begrenzte, vorhersehbare Schaden wird dem totalen Verlust vorgezogen. Odysseus kann die Männer nicht retten – er kann nur entscheiden, wie viele er verliert.

Wo befand sich die Meerenge zwischen Skylla und Charybdis geografisch?

Homer nennt keinen konkreten geografischen Ort. In der Antike wurde die Passage jedoch häufig mit der Straße von Messina zwischen Sizilien und dem italienischen Festland identifiziert. Dort gibt es tatsächlich gefährliche Strömungen und Strudel, die Schiffe in der Antike bedrohten. Auf dem Felsen Sciglio am Kap Peloro auf sizilianischer Seite soll Skylla gehaust haben, während Charybdis dem Strudel auf der kalabrischen Seite entsprach.

Was bedeutet die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“?

Die Redewendung beschreibt eine Situation, in der man zwischen zwei gleich schlechten oder gefährlichen Optionen wählen muss – ein echtes Dilemma ohne guten Ausweg. Egal für welche Seite man sich entscheidet, man erleidet einen Verlust oder Schaden. Die Formulierung ist aus dem antiken Mythos hervorgegangen und hat sich in viele europäische Sprachen als feststehende Wendung für eine ausweglose Zwangslage etabliert.

Quellen und weiterführende Informationen

Über diesen Artikel

Dieser Artikel wurde redaktionell erstellt und sorgfältig auf Verständlichkeit, sachliche Richtigkeit und praktische Nutzbarkeit geprüft. Die Darstellung des Mythos orientiert sich am zwölften Gesang von Homers Odyssee sowie an gängigen mythologischen und literaturwissenschaftlichen Quellen. Interpretationen des Mythos spiegeln etablierte wissenschaftliche Deutungen wider, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Alle Angaben ohne Gewähr.

Stand der Informationen: Juni 2026