Unter den Gottheiten des Meeres nimmt der Meeresgott Phorkys in der griechischen Mythologie eine eigentümliche Stellung ein. Homer nennt ihn den „Alten des Meeres“, Hesiod zählt ihn zu den Kindern des Pontos, der Urgottheit des Meeres, und der Erde Gaia. Große eigene Taten berichten die antiken Quellen von ihm nicht: Er kämpft nicht gegen Titanen, raubt keine Sterblichen und greift nicht in den Trojanischen Krieg ein. Seine Bedeutung verdankt er beinahe ausschließlich seinen Nachkommen. Gemeinsam mit seiner Schwester und Gemahlin Keto zeugte er eine Reihe der bekanntesten Schreckgestalten der Antike: die Gorgonen mit der schlangenhaarigen Medusa, die grauhaarigen Graien und jenen Drachen, der die goldenen Äpfel der Hesperiden bewachte.
Damit gehört der Meeresgott Phorkys zur älteren, vorolympischen Generation von Göttern, die nicht die geordnete Welt des Zeus verkörpern, sondern die dunklen und unberechenbaren Seiten der Natur. Aus seiner Familie stammen viele der Ungeheuer, an denen sich später Helden wie Perseus, Herakles und Odysseus bewähren mussten. Wer den greisen Meeresgott verstehen will, muss daher vor allem seine Kinder betrachten – und die Frage, warum die Griechen die Vaterschaft so vieler Monster ausgerechnet einem Alten der Tiefe zuschrieben.
Herkunft: Ein Sohn von Pontos und Gaia
Die älteste zusammenhängende Auskunft über seine Herkunft gibt Hesiods Theogonie aus der Zeit um 700 vor Christus. Demnach zeugte Pontos, das personifizierte Meer, zunächst den ältesten Sohn Nereus und danach mit Gaia vier weitere Kinder: den großen Thaumas, den stolzen Phorkys, die schöngewangte Keto und Eurybia. Phorkys ist somit ein Bruder des Nereus, der Vater der fünfzig Nereiden wurde, und des Thaumas, dessen Töchter die Götterbotin Iris und die Harpyien waren. Das mythologische Handbuch des Apollodor aus der römischen Kaiserzeit übernimmt diese Genealogie. Platon dagegen lässt Phorkys im Dialog Timaios gemeinsam mit Kronos und Rhea aus der Verbindung der Titanen Okeanos und Tethys hervorgehen. Solche Abweichungen sind für Randfiguren typisch, da es keine verbindliche Fassung der Mythen gab. Nicht zu verwechseln ist der Meeresgott mit einem gleichnamigen Anführer der Phryger, der in Homers Ilias auf trojanischer Seite kämpft und von Aias getötet wird.
Einer der „Alten des Meeres“
In der Odyssee nennt Homer Phorkys den „Alten des Meeres“ und den Herrscher über das öde, unfruchtbare Meer. Diesen Beinamen teilt er mit anderen greisen Meeresgottheiten, vor allem mit seinem Bruder Nereus und mit Proteus, der Menelaos auf der Insel Pharos die Zukunft offenbaren muss. Die Griechen stellten sich die Mächte der See offenbar gern als uralte, wissende und schwer fassbare Wesen vor. Anders als Nereus, der auf zahlreichen Vasenbildern mit Herakles ringt, besitzt Phorkys jedoch kaum eine eigene Bildtradition. Manche Forscher verbinden seinen Namen mit einem bei dem antiken Lexikographen Hesych überlieferten Wort, das etwa „grau“ oder „runzlig“ bedeutet – eine Deutung, die gut zu seinen grauhaarig geborenen Töchtern passen würde, sprachwissenschaftlich aber nicht gesichert ist.
- Eltern – Nach Hesiod Pontos und Gaia, nach Platon die Titanen Okeanos und Tethys.
- Geschwister – Nereus, Thaumas, Keto und Eurybia als maritimer Zweig der Urgötter.
- Gemahlin – Seine Schwester Keto, Mutter zahlreicher Ungeheuer.
- Beiname – „Alter des Meeres“, ein Titel, den er mit Nereus und Proteus teilt.
- Hafen des Phorkys – Nach ihm benannte Bucht auf Ithaka, Schauplatz von Odysseus‘ Heimkehr.
Keto und die Nachkommen des Meeresgottes Phorkys
Seine Gemahlin fand der greisenhafte Meeresgott Phorkys in der eigenen Familie: Keto, seine Schwester, deren Name im Griechischen später zum Wort für jedes große Meeresungeheuer wurde und im zoologischen Namen der Wale, Cetacea, bis heute fortlebt. Bei Hesiod trägt sie noch das schmeichelnde Beiwort schöngewangt, doch ihre Kinder sind alles andere als lieblich. Als erste nennt die Theogonie die Graien, zwei Schwestern namens Pemphredo und Enyo, die bereits mit grauem Haar zur Welt kamen; spätere Autoren wie Apollodor fügen als dritte Deino hinzu. Nach der verbreiteten Überlieferung teilten sich die Graien ein einziges Auge und einen einzigen Zahn, die sie untereinander weiterreichten. Diesen Umstand nutzte Perseus: Er fing das Auge im Moment der Übergabe ab und gab es erst zurück, als die Schwestern ihm den Weg verrieten, der ihn schließlich zu den Gorgonen führte.
Noch berühmter wurden die Gorgonen Sthenno, Euryale und Medusa, die nach Hesiod jenseits des Okeanos am Rand der Nacht lebten. Während die beiden älteren Schwestern unsterblich und alterslos waren, war Medusa sterblich. Nach späteren Erzählungen ließ ihr Blick Menschen zu Stein erstarren, und ihr Haar bestand aus Schlangen. Als Perseus ihr mit göttlicher Hilfe das Haupt abschlug, sprangen aus ihrem Hals das geflügelte Pferd Pegasos und Chrysaor, der Held mit dem goldenen Schwert, hervor, die sie von Poseidon empfangen hatte. Über Medusa wurde der Meeresgott Phorkys so zum Großvater des Pegasos. Ihr abgeschlagenes Haupt, das Gorgoneion, fand seinen Platz auf der Ägis der Athene und wurde zu einem der verbreitetsten Schutzsymbole der Antike, das auf Schilden, Gefäßen und Tempeln Unheil abwehren sollte.
Echidna und der Drache der Hesperiden
Weniger eindeutig ist die Herkunft der Echidna, die Hesiod unmittelbar nach den Gorgonen einführt: halb schöne Nymphe mit funkelnden Augen, halb gewaltige Schlange, die mit dem Riesen Typhon unter anderem den Höllenhund Kerberos und die Hydra von Lerna hervorbrachte. Aus dem Wortlaut geht nicht klar hervor, ob der Dichter sie Keto oder der zuvor genannten Okeanide Kallirhoë zuschreibt, und Apollodor nennt sogar Tartaros und Gaia als ihre Eltern. Eindeutig ist dagegen das jüngste Kind von Phorkys und Keto: eine furchtbare Schlange, die an den äußersten Grenzen der Erde die goldenen Äpfel bewacht. Spätere Dichter wie Apollonios von Rhodos nennen diesen Drachen Ladon. Nach verbreiteter Überlieferung wurde er von Herakles getötet, als dieser die Äpfel der Hesperiden für König Eurystheus holte.
Stammbaum des Phorkys
Urgötter
♥
Gaia – Erde
Kinder des Pontos
Vater der Nereiden
Vater der Iris
Alter des Meeres
Schwester und Gemahlin
Gemahlin des Titanen Kreios
Pemphredo · Enyo · Deino
Sthenno · Euryale · Medusa
Zuordnung umstritten
Drache der Hesperiden
Weitere Überlieferungen
mit Hekate / Krataiis · Apollonios
Mutter des Polyphem · Homer
nur bei Sophokles
Genealogie nach Hesiods Theogonie – Platon nennt abweichend Okeanos und Tethys als Eltern des Phorkys
Weitere Nachkommen: Skylla, Thoosa und die Sirenen
Neben Keto nennen spätere Quellen weitere Partnerinnen des Phorkys. Nach Apollonios von Rhodos war Skylla, das vielköpfige Ungeheuer an der Meerenge gegenüber der Charybdis, eine Tochter des Phorkys und der nachts umherstreifenden Hekate, die auch Krataiis heiße. Homer selbst nennt als Mutter der Skylla nur Krataiis, und andere Autoren führen ganz andere Eltern an, darunter Typhon und Echidna. Bereits in der Odyssee findet sich dagegen die Nachricht, dass die Nymphe Thoosa eine Tochter des Phorkys war. In hohlen Grotten verband sie sich mit Poseidon und gebar ihm den Kyklopen Polyphem, den Odysseus später blendete. Damit ist Phorkys der Großvater jenes Riesen, dessen Blendung den Zorn Poseidons weckte und so die langen Irrfahrten des Odysseus auslöste.
Selbst die Sirenen, deren Gesang Seefahrer ins Verderben lockte, heißen in einem bei Plutarch überlieferten Fragment des Sophokles Töchter des Phorkys, während die meisten Quellen sie auf den Flussgott Acheloos zurückführen. Die Graien und Gorgonen wurden nach ihrem Vater auch Phorkiden genannt. Unter diesem Titel verfasste Aischylos ein heute verlorenes Stück über den Zug des Perseus, und in seinem Gefesselten Prometheus erwähnt er die schwanengestaltigen Phorkiden als uralte Jungfrauen am Rand der Welt. Die Vielzahl dieser Zuschreibungen zeigt, wie sehr der greisenhafte Meeresgott Phorkys in der antiken Vorstellung als Stammvater des Monströsen galt.
| Nachkomme | Mutter und Quelle | Rolle im Mythos |
|---|---|---|
| Graien | Keto; Hesiod, Apollodor | Teilen ein Auge und einen Zahn, von Perseus überlistet |
| Gorgonen | Keto; Hesiod | Medusa von Perseus enthauptet, Gorgoneion als Schutzsymbol |
| Echidna | Keto oder Kallirhoë; Hesiod (umstritten) | Mutter von Kerberos und der Hydra von Lerna |
| Ladon | Keto; Hesiod, Apollonios von Rhodos | Wächter der goldenen Äpfel, von Herakles getötet |
| Skylla | Hekate / Krataiis; Apollonios von Rhodos | Ungeheuer an der Meerenge, Gefahr für Odysseus |
| Thoosa | Mutter nicht genannt; Homer | Nymphe, mit Poseidon Mutter des Polyphem |
| Sirenen | Nur Sophokles-Fragment | Seltene Zuordnung, meist Töchter des Acheloos |
Der Hafen des Phorkys auf Ithaka
Als Ort tritt Phorkys im dreizehnten Gesang der Odyssee in Erscheinung. Als die Phaiaken den schlafenden Odysseus nach zwanzig Jahren in seine Heimat zurückbringen, landen sie in einem nach dem Meeresgott Phorkys benannten Hafen auf Ithaka. Homer beschreibt ihn genau: Zwei steil abfallende Landzungen schützen die Bucht vor den Wogen, sodass Schiffe dort ohne Anker liegen können. Am Ende des Hafens steht ein Ölbaum, daneben öffnet sich eine den Najaden geweihte Höhle mit steinernen Mischkrügen, Bienenwaben und steinernen Webstühlen, an denen die Nymphen purpurne Gewänder weben.
Einer ihrer beiden Eingänge ist den Menschen vorbehalten, der andere allein den Göttern. Dort verbirgt Odysseus mit Athenes Hilfe die Geschenke der Phaiaken. Der Neuplatoniker Porphyrios deutete diese Nymphengrotte im dritten Jahrhundert nach Christus in einer eigenen Schrift als Sinnbild des Kosmos und des Weges der Seelen. Auf dem heutigen Ithaka wird der Hafen häufig mit einer Bucht nahe dem Hauptort Vathy verbunden, doch ob Homer einen realen Ort vor Augen hatte, bleibt offen.
Phorkys in römischer Zeit und späterer Deutung
In der römischen Dichtung erscheint Phorkys, lateinisch meist Phorcus, als Teil des Gefolges Neptuns. Vergil nennt in der Aeneis den Chor des Phorcus und dessen ganzes Heer, das gemeinsam mit Tritonen, Nereiden und anderen Meeresgottheiten den Wagen des Meeresgottes begleitet. Aus dem eigenständigen Urgott ist hier ein Anführer im maritimen Gefolge geworden. Bemerkenswert ist eine rationalistische Erklärung, die der spätantike Vergilkommentator Servius unter Berufung auf den Gelehrten Varro überliefert: Phorcus sei in Wahrheit ein König von Korsika und Sardinien gewesen, der in einer Seeschlacht gegen König Atlas unterlag und ertrank, worauf seine Gefährten verbreiteten, er sei zu einem Meeresgott geworden.
Aus heutiger Sicht spiegelt Phorkys vor allem die Erfahrungen einer Seefahrerkultur, für die das Meer zugleich Lebensgrundlage und Quelle unberechenbarer Gefahren war. Seine Nachkommen hausten fast immer an den Rändern der bekannten Welt – jenseits des Okeanos, an gefährlichen Meerengen oder in fernen Gärten –, genau dort, wo Seefahrer das Vertraute hinter sich ließen. Indem die Griechen diese Schreckgestalten einem uralten Meeresgott und seiner Schwester zuschrieben, gaben sie ihnen einen Ursprung und einen Platz in der Ordnung der Götter. Phorkys selbst blieb dabei im Hintergrund: ein schweigsamer Greis der Tiefe, dessen Erbe in den Sagen von Perseus, Herakles und Odysseus fortlebt.
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zum Meeresgott Phorkys
Wer war der Meeresgott Phorkys?
Phorkys war ein greisenhafter Meeresgott der griechischen Mythologie, nach Hesiod ein Sohn von Pontos und Gaia und Bruder des Nereus. Homer nennt ihn den „Alten des Meeres“. Eigene große Taten werden von ihm kaum berichtet; bekannt ist er vor allem als Vater zahlreicher Ungeheuer.
Welche Nachkommen hatte Phorkys?
Mit seiner Schwester Keto zeugte Phorkys die Graien, die Gorgonen mit Medusa und den Drachen Ladon, der die goldenen Äpfel der Hesperiden bewachte; ob auch Echidna seine Tochter war, ist umstritten. Weitere Quellen nennen Skylla, die Nymphe Thoosa als Mutter des Polyphem und vereinzelt die Sirenen.
Warum heißt Phorkys „Alter des Meeres“?
Homer bezeichnet Phorkys in der Odyssee als „Alten des Meeres“, einen Beinamen, den er mit Nereus und Proteus teilt. Die Griechen stellten sich die Mächte der See als uralte, wissende Wesen vor. Manche Forscher deuten auch seinen Namen als „grau“ oder „runzlig“, was jedoch nicht gesichert ist.
Was ist der Hafen des Phorkys?
Der Hafen des Phorkys ist eine in Homers Odyssee beschriebene Bucht auf Ithaka, in der die Phaiaken den schlafenden Odysseus absetzen. Neben dem Hafen liegt eine den Najaden geweihte Höhle mit zwei Eingängen, in der Odysseus die Geschenke der Phaiaken versteckt.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel basiert auf primären Quellen der griechischen und römischen Literatur, insbesondere Hesiods Theogonie, Homers Odyssee, den Argonautika des Apollonios von Rhodos, der Bibliotheke des Apollodor, Platons Timaios, Vergils Aeneis mit dem Kommentar des Servius sowie der Schrift des Porphyrios über die Nymphengrotte, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der Altphilologie und Religionsgeschichte. Die Zuordnung einzelner Nachkommen wie Echidna, Skylla und der Sirenen schwankt zwischen den antiken Quellen erheblich. Alle Angaben ohne Gewähr.
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Stand der Informationen: Juni 2026