Kaum ein anderes Werk der antiken Literatur hat die abendländische Vorstellung von Monstern und Ungeheuern so nachhaltig geprägt wie die Odyssee. Von Polyphem, dem einäugigen Kyklopen, über die sechsköpfige Skylla bis zum meerschlürfenden Ungetüm Charybdis bevölkern zahlreiche Schreckgestalten die zehnjährige Irrfahrt des Odysseus, und jede von ihnen erfüllt innerhalb der Gesamterzählung eine spezifische, sorgfältig durchdachte Funktion. Anders als in vielen modernen Vorstellungen von Fantasy-Ungeheuern sind die Monster der Odyssee jedoch selten reine Bedrohungen ohne tiefere Bedeutung: Sie verkörpern fast immer eine bestimmte Form der Gefahr, die auf Übermut, Neugier, Gier oder mangelnde Selbstbeherrschung des Odysseus und seiner Gefährten reagiert, und sie stehen in einem engen thematischen Zusammenhang mit den zentralen moralischen Fragen des gesamten Epos.
Ein genauerer Blick auf die verschiedenen Ungeheuer der Odyssee offenbart zudem eine bemerkenswerte Vielfalt an Ursprüngen und Erscheinungsformen: Manche sind Kinder der Götter, andere verwunschene oder verwandelte Wesen, wieder andere schlicht Naturgewalten, die in monströser Gestalt personifiziert werden. Diese Vielfalt macht die Odyssee zu einem der ergiebigsten Quellentexte für die Erforschung antiker Monstervorstellungen überhaupt, weit über ihre Bedeutung als reines Abenteuerepos hinaus.
Polyphem: Der Kyklop als Prüfstein der List
Der wohl berühmteste aller Widersacher des Odysseus ist Polyphem, ein Kyklop und Sohn des Meeresgottes Poseidon, dem Odysseus und seine Gefährten im neunten Gesang auf ihrer Suche nach Verpflegung in dessen Höhle begegnen. Als einäugiges, riesenhaftes Wesen von ungeheurer Kraft, aber begrenztem Verstand verkörpert Polyphem eine besonders archaische Form der Bedrohung: rohe physische Gewalt ohne List oder Zauberkraft. Er sperrt Odysseus und seine Männer in seiner Höhle ein und verspeist mehrere von ihnen, bevor Odysseus ihn schließlich mit einer Mischung aus List, dem berühmten Trick des falschen Namens „Niemand“, und dem Wein des Maron betrunken macht und sein einziges Auge blendet, um mit den überlebenden Gefährten zu entkommen.
Die Bedeutung dieser Episode für die gesamte Odyssee kann kaum überschätzt werden, denn sie ist der eigentliche Auslöser für den jahrelangen Zorn des Poseidon gegen Odysseus, der die Heimkehr des Helden immer wieder verzögert. Polyphems Fluch, den er nach seiner Blendung an seinen Vater Poseidon richtet, treibt die gesamte weitere Handlung der Irrfahrt an und macht diese Episode zum eigentlichen strukturellen Knotenpunkt des Epos.
Skylla und Charybdis: Die unmögliche Wahl
Eine der berühmtesten Passagen der gesamten Odyssee ist die Durchfahrt zwischen den beiden Ungeheuern Skylla und Charybdis in einer engen Meerenge, die häufig mit der Straße von Messina identifiziert wird. Skylla wird von Homer als Monster mit zwölf Füßen und sechs langen Hälsen beschrieben, an deren Enden jeweils ein Kopf mit dreifacher Zahnreihe sitzt; sie haust in einer Felshöhle und schnappt sich mit jedem ihrer sechs Köpfe einen Seemann von vorbeifahrenden Schiffen. Charybdis hingegen ist keine anthropomorphe Kreatur, sondern ein gewaltiger Meeresstrudel, der dreimal täglich das Wasser der gesamten Meerenge einsaugt und wieder ausspeit und damit jedes Schiff, das ihr zu nahe kommt, unweigerlich in die Tiefe reißt.
Die Zauberin Kirke warnt Odysseus ausdrücklich vor beiden Gefahren und rät ihm, lieber nahe an Skylla vorbeizusteuern und den Verlust einiger Gefährten in Kauf zu nehmen, als das gesamte Schiff dem Sog der Charybdis auszusetzen. Diese erzwungene Wahl zwischen zwei gleichermaßen tödlichen Alternativen ist bis heute sprichwörtlich geworden – die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“ bezeichnet eine ausweglose Situation, in der jede Entscheidung Verluste mit sich bringt.
Kirke: Zauberin statt Monster im klassischen Sinne
Obwohl Kirke selbst kein Monster im engeren Sinne ist, sondern eine Zauberin und Tochter des Sonnengottes Helios, erschafft sie auf ihrer Insel Aiaia eine der monströsesten Verwandlungsszenen der gesamten Odyssee: Sie verwandelt mehrere Gefährten des Odysseus mithilfe eines Zaubertranks in Schweine, die zwar äußerlich vollständig tierisch erscheinen, ihren menschlichen Verstand jedoch behalten – ein besonders grausamer Aspekt dieser Verwandlung, der die Betroffenen ihrer eigenen körperlichen Entstellung schmerzlich bewusst bleiben lässt. Erst mithilfe des Gottes Hermes und eines schützenden Krautes namens Moly gelingt es Odysseus, sich gegen Kirkes Zauber zu wappnen und seine verwandelten Gefährten zurückzuverwandeln.
Die Sirenen: Tödlicher Gesang
Die Sirenen gehören zu den psychologisch raffiniertesten Gefahren der gesamten Odyssee, da ihre Bedrohung nicht in physischer Gewalt, sondern allein in der unwiderstehlichen Schönheit ihres Gesangs besteht, der jeden vorbeifahrenden Seemann so sehr betört, dass er sein Schiff steuern lässt, bis es an den Klippen zerschellt. Sie versprechen in ihrem Lied verbotenes Wissen, insbesondere über die Ereignisse des Trojanischen Krieges, und appellieren damit gezielt an die intellektuelle Neugier des Odysseus. Auf Kirkes Anraten lässt sich Odysseus an den Schiffsmast fesseln, während er seinen Gefährten die Ohren mit Wachs verschließt, sodass er selbst den Gesang der Sirenen hören kann, ohne sich oder das Schiff in Gefahr zu bringen.
Weitere Ungeheuer und Gefahren der Irrfahrt
Neben diesen bekanntesten Monstern und Ungeheuern begegnet Odysseus im Verlauf seiner Irrfahrt weiteren monströsen oder übernatürlichen Bedrohungen, die in ihrer erzählerischen Bedeutung zwar unterschiedlich gewichtet sind, aber jeweils eigene charakteristische Gefahrenmuster repräsentieren:
- Laistrygonen: Riesenhafte, kannibalische Menschenfresser, die von einer Klippe aus Felsbrocken auf die Schiffe des Odysseus schleudern und elf seiner zwölf Schiffe vollständig zerstören
- Die Rinder des Helios: Keine Monster im eigentlichen Sinne, aber heilige, gefährlich geschützte Tiere, deren Schlachtung auf Thrinakia den Zorn des Sonnengottes und den Untergang der gesamten Mannschaft auslöst
- Skylla (isoliert betrachtet): Ursprünglich der griechischen Sage nach eine verwandelte Nymphe, die durch die Eifersucht der Kirke oder Amphitrite in ein Ungeheuer verwandelt wurde
- Der Sturm des Poseidon: Keine Kreatur, aber eine göttlich gelenkte Naturgewalt, die Odysseus‘ Floß auf der Fahrt von Kalypsos Insel fast zerstört
Diese Aufzählung zeigt, dass der Monsterbegriff der Odyssee weit über klassische Kreaturen hinausgeht und auch Naturgewalten sowie göttlich sanktionierte Strafen mit einschließt, sofern sie eine unmittelbare, existenzielle Bedrohung für Odysseus und seine Mannschaft darstellen.
| Ungeheuer | Herkunft | Art der Gefahr |
|---|---|---|
| Polyphem | Sohn des Poseidon, Kyklop | Rohe physische Gewalt, Menschenfresser |
| Skylla | Verwandelte Nymphe, sechsköpfiges Ungeheuer | Reißt Seeleute von Schiffen |
| Charybdis | Personifizierter Meeresstrudel | Verschlingt ganze Schiffe |
| Kirke | Tochter des Helios, Zauberin | Verwandlung in Tiere |
| Sirenen | Mischwesen, halb Frau, halb Vogel | Verführerischer, tödlicher Gesang |
| Laistrygonen | Riesenhaftes Kannibalenvolk | Vernichtung von elf Schiffen |
Monster als moralische Prüfsteine
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass fast jedes Monster der Odyssee nicht bloß eine zufällige Gefahr darstellt, sondern in engem thematischen Zusammenhang mit einer spezifischen menschlichen Schwäche steht, die Odysseus oder seine Gefährten in der jeweiligen Episode an den Tag legen. Polyphem bestraft indirekt den Übermut, mit dem Odysseus nach seiner Flucht seinen wahren Namen preisgibt und damit den Zorn des Poseidon erst richtig entfacht. Die Sirenen prüfen die intellektuelle Neugier des Odysseus, die Rinder des Helios die Selbstbeherrschung der hungernden Mannschaft, und Skylla sowie Charybdis konfrontieren Odysseus mit der bitteren Einsicht, dass nicht jede Gefahr durch List allein zu überwinden ist, sondern manchmal nur durch die schmerzhafte Akzeptanz eines kalkulierten Verlusts.
Diese enge Verknüpfung zwischen monströser Bedrohung und menschlicher Charakterschwäche macht die Odyssee zu weit mehr als einer bloßen Abenteuergeschichte: Jedes Ungeheuer fungiert zugleich als eine Art Spiegel, der dem Leser die jeweiligen moralischen Themen des Epos – Selbstbeherrschung, Klugheit, Demut gegenüber den Göttern – in besonders anschaulicher, oft schreckenerregender Form vor Augen führt.
Die Monster der Odyssee im Überblick
Stationen der Irrfahrt (Gesänge 9-12)
Gemeinsames Motiv
Jedes Ungeheuer prüft eine menschliche Schwäche: Übermut, Neugier, Gier oder mangelnde Selbstbeherrschung
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zu den Monstern der Odyssee
Welche Monster begegnet Odysseus in der Odyssee?
Zu den bekanntesten Ungeheuern zählen der Kyklop Polyphem, die sechsköpfige Skylla, der Meeresstrudel Charybdis, die verführerischen Sirenen sowie die riesenhaften, kannibalischen Laistrygonen. Hinzu kommt die Zauberin Kirke, die Gefährten des Odysseus in Tiere verwandelt.
Warum blendet Odysseus den Kyklopen Polyphem?
Polyphem sperrt Odysseus und seine Gefährten in seiner Höhle ein und verspeist mehrere von ihnen. Um zu entkommen, macht Odysseus den Kyklopen mit starkem Wein betrunken und blendet sein einziges Auge, nachdem er sich selbst als „Niemand“ ausgegeben hat. Diese Tat löst den langjährigen Zorn des Poseidon aus, Polyphems Vater.
Was bedeutet die Redewendung „zwischen Skylla und Charybdis“?
Die Redewendung geht auf die Meerenge zurück, in der Odysseus zwischen dem sechsköpfigen Ungeheuer Skylla und dem Meeresstrudel Charybdis hindurchsteuern muss. Sie bezeichnet eine ausweglose Situation, in der jede Entscheidung zwangsläufig mit Verlusten verbunden ist.
Welche Funktion haben die Monster für die Gesamterzählung der Odyssee?
Die meisten Ungeheuer der Odyssee stehen in engem Zusammenhang mit einer spezifischen menschlichen Schwäche der Gefährten oder des Odysseus selbst, etwa Übermut, Neugier oder mangelnde Selbstbeherrschung. Sie fungieren damit als moralische Prüfsteine, die die zentralen Themen des Epos in besonders anschaulicher Form illustrieren.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel basiert auf der primären Quelle der Odyssee Homers, insbesondere den Gesängen 9 bis 12, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der Altphilologie und der Homer-Forschung. Die Angaben spiegeln den aktuellen Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung wider. Alle Angaben ohne Gewähr.
Stand der Informationen: Juni 2026