Melantho in der Odyssee: Treulose Magd von Königin Penelope

Melantho in der OdysseeUnter den zahlreichen Nebenfiguren, die den Palast des Odysseus auf Ithaka während seiner zwanzigjährigen Abwesenheit bevölkern, nimmt Melantho eine auffällig negative Sonderstellung ein. Während die meisten Dienerinnen der Penelope in der Odyssee anonym und funktional bleiben, wird Melantho von Homer mit individuellen Zügen versehen – und diese Individualisierung dient einem klaren erzählerischen Zweck: Sie macht die Magd Melantho zur Verkörperung des Verrats innerhalb des eigenen Hauses, zur Kontrastfigur gegenüber der treuen Penelope und dem loyalen alten Gesinde, das Odysseus bei seiner Rückkehr in Ithaka noch vorfindet. Die treulose Magd Melantho ist damit weit mehr als eine beiläufig erwähnte Randfigur; sie ist ein zentrales Element in der moralischen Architektur des Schlussteils der Odyssee, in dem Treue und Verrat, Loyalität und Opportunismus einander unversöhnlich gegenüberstehen.

Ihre Geschichte ist zugleich ein Lehrstück über die besondere Verletzlichkeit eines Hauses, dessen Herr über zwei Jahrzehnte lang abwesend ist, und über die Versuchungen, denen das Personal eines solchen Hauses durch die anwesenden, aggressiv um die Gunst der Herrin werbenden Freier ausgesetzt war. Melanthos Schicksal am Ende des Epos gehört zu den härtesten Strafgerichten der gesamten Odyssee und markiert einen der dunkelsten Momente in der finalen Abrechnung des Odysseus mit denjenigen, die seine Familie und seinen Besitz während seiner Abwesenheit verraten hatten.

Herkunft: Tochter des treuen Dieners Dolios

Melantho wird von Homer als Tochter des Dolios eingeführt, eines alten, ergebenen Dieners im Haushalt des Odysseus, der an anderer Stelle der Odyssee, insbesondere in der Wiedersehensszene mit Laertes im letzten Gesang, als durchweg loyale Figur geschildert wird. Diese Herkunft ist erzählerisch von erheblicher Bedeutung, da sie einen scharfen Kontrast innerhalb derselben Familie erzeugt: Während der Vater Dolios dem Haus des Odysseus über Jahrzehnte hinweg treu dient, wählt seine Tochter Melantho den entgegengesetzten Weg und stellt sich auf die Seite der Freier, die den Palast okkupiert haben, den Besitz des Odysseus verschwenden und um die Hand der noch immer verheirateten Penelope werben.

Dieser familiäre Gegensatz zwischen treuem Vater und untreuer Tochter unterstreicht ein wiederkehrendes Motiv in Homers Odyssee: Loyalität ist in dieser Erzählwelt keine Frage der Herkunft oder des Standes, sondern eine individuelle moralische Entscheidung. Auch unter den männlichen Dienern des Hauses gibt es mit dem Ziegenhirten Melanthios, der auffälligerweise denselben Namensstamm wie Melantho trägt und möglicherweise sogar als ihr Bruder zu verstehen ist, eine Parallelfigur des Verrats – während gleichzeitig mit dem Sauhirten Eumaios und der alten Amme Eurykleia zwei der treuesten Figuren des gesamten Epos ebenfalls aus dem einfachen Gesinde stammen.

Melanthos Verrat: Bündnis mit den Freiern

Von Penelope selbst großgezogen und wie ein eigenes Kind behandelt – Homer betont ausdrücklich, dass Penelope Melantho aufgezogen und ihr besondere Zuneigung entgegengebracht hatte –, wendet sich die treulose Magd Melantho dennoch von ihrer Herrin ab und beginnt eine Liebesbeziehung mit Eurymachos, einem der prominentesten und aggressivsten unter den Freiern, die um Penelopes Hand werben. Diese Liaison ist erzählerisch doppelt bedeutsam: Sie zeigt einerseits, wie tief die Korruption des Hauses durch die anhaltende Anwesenheit der Freier bereits fortgeschritten ist, und sie liefert andererseits die konkrete Motivation für Melanthos feindseliges Verhalten gegenüber dem noch nicht als solchem erkannten Odysseus, der in den letzten Gesängen der Odyssee als bettelnder Fremder verkleidet in den eigenen Palast zurückkehrt.

Als der verkleidete Odysseus im Palast erscheint und von den Freiern verspottet wird, schließt sich Melantho diesem Spott ausdrücklich an. Sie beschimpft den vermeintlichen Bettler in mehreren Szenen offen und unverhohlen, wirft ihm vor, sich nachts im Palast herumzutreiben, statt in einer Schmiede oder öffentlichen Herberge zu übernachten, und zeigt damit eine Respektlosigkeit, die in deutlichem Kontrast zur zurückhaltenden Höflichkeit steht, die andere Bedienstete, allen voran Eumaios, dem Fremden gegenüber an den Tag legen. Diese wiederholten verbalen Angriffe Melanthos gegenüber dem verkleideten Odysseus sind ein zentraler Baustein dafür, dass der Leser die Magd Melantho eindeutig als Antagonistin innerhalb der häuslichen Sphäre wahrnimmt, lange bevor die eigentliche Abrechnung erfolgt.

Die Konfrontation mit dem verkleideten Odysseus

Eine der schärfsten Konfrontationen zwischen Melantho und dem verkleideten Odysseus findet im achtzehnten Gesang statt, als Odysseus, noch immer als bettelnder Fremder unerkannt, im Saal verweilt, um die Freier zu beobachten. Melantho beschimpft ihn dort besonders scharf und unterstellt ihm anmaßendes, distanzloses Verhalten gegenüber der Herrschaft des Hauses. Diese Szene ist von besonderer dramatischer Ironie geprägt, da das Publikum der Odyssee bereits weiß, dass es sich bei dem verspotteten Bettler tatsächlich um den rechtmäßigen Hausherrn handelt, während Melantho, blind für diese Wahrheit, ihre eigene spätere Vernichtung mit jedem weiteren Wort ihrer Beleidigungen unwissentlich näher heraufbeschwört.

Diese wiederholte Konfrontation dient Homer dazu, Melanthos Charakter über die bloße Tatsache ihres Verrats hinaus zusätzlich zu profilieren: Sie erscheint nicht nur als illoyal, sondern auch als arrogant, respektlos gegenüber traditionellen Geboten der Gastfreundschaft, die in der homerischen Welt als heilige, von den Göttern geschützte Pflicht gilt, und als jemand, der sich in ihrer vermeintlich sicheren Position an der Seite der mächtigen Freier bereits zu weit über die eigentliche Herrschaft des Hauses erhaben fühlt. Gerade diese Selbstüberschätzung macht ihren späteren Fall umso wirkungsvoller.

Das Ende Melanthos: Strafe im Freiermord

Nach der berühmten Bogenprobe, mit der Odysseus seine Identität schließlich unter Beweis stellt, und dem anschließenden Gemetzel, bei dem er gemeinsam mit seinem Sohn Telemachos, dem treuen Sauhirten Eumaios und dem Rinderhirten Philoitios sämtliche Freier im großen Saal des Palastes tötet, wendet sich die Rache des Odysseus konsequent auch gegen jene Diener, die sich während seiner Abwesenheit als illoyal erwiesen hatten. Die treulose Magd Melantho gehört zu den zwölf Dienerinnen, die von Telemachos auf Anweisung seines Vaters für ihren Verrat mit dem Tod bestraft werden: Sie werden gezwungen, zunächst die Leichen der erschlagenen Freier aus dem Saal zu tragen und den blutbefleckten Boden zu reinigen, bevor sie anschließend gemeinsam an einem Seil im Hof des Palastshauses erhängt werden.

Diese Strafe gehört zu den grausamsten und in der modernen Rezeption am kontroversesten diskutierten Szenen der gesamten Odyssee. Homer beschreibt die Hinrichtung mit auffälliger, fast technischer Genauigkeit und vergleicht die zappelnden Frauen in einem vielzitierten Gleichnis mit Vögeln, die sich in einem aufgestellten Netz verfangen haben. Melanthos individueller Verrat, ihre wiederholten Beleidigungen gegenüber dem verkleideten Odysseus und ihre Liebesbeziehung zu Eurymachos machen sie dabei zur exemplarischen Figur dieser kollektiven Bestrafung – sie ist diejenige unter den treulosen Mägden, deren Motive und Handlungen der Leser am genauesten kennt, und ihr Schicksal steht damit stellvertretend für das der gesamten Gruppe.

Kurz vor der eigentlichen Abrechnung liefert sich die Magd Melantho zudem noch einen letzten verbalen Schlagabtausch mit dem verkleideten Odysseus, in dem sie ihn erneut wegen seines vermeintlich niederen Standes verspottet – eine letzte Demonstration ihrer mangelnden Klugheit angesichts der bevorstehenden Katastrophe, die ihre Figur bis zum Schluss konsistent als Gegenbild zur besonnenen, geduldigen Penelope zeichnet, die trotz jahrelanger Bedrängnis durch die Freier standhaft bleibt.

Aspekt Melantho Gegenfigur
Herkunft Tochter des treuen Dieners Dolios Vater bleibt Odysseus treu
Erziehung Von Penelope selbst großgezogen Eurykleia, treue Amme des Odysseus
Loyalität Verbündet sich mit den Freiern Eumaios, treuer Sauhirt
Liebesbeziehung Geliebte des Freiers Eurymachos Penelope bleibt Odysseus treu
Ende Hinrichtung durch Telemachos Treue Diener werden belohnt

Melantho im Kontext der treulosen Diener

Die treulose Magd Melantho steht nicht isoliert, sondern ist Teil einer größeren Gruppe von Bediensteten im Haus des Odysseus, deren Verhalten während der zwanzigjährigen Abwesenheit ihres Herrn über Leben und Tod entscheidet, sobald dieser zurückkehrt. Die Odyssee zeichnet hier ein bemerkenswert differenziertes Bild der häuslichen Gemeinschaft, in dem sich mehrere klar gegensätzliche Verhaltensmuster erkennen lassen:

  • Treue trotz Not: Eumaios, der Sauhirt, bewahrt seine Loyalität trotz ärmlicher Lebensumstände und nimmt den unerkannten Odysseus gastfreundlich auf
  • Treue trotz langer Trennung: Eurykleia, die alte Amme, erkennt Odysseus an einer alten Narbe und bewahrt dennoch dessen Geheimnis
  • Verrat aus Nähe zur Macht: Melantho verbündet sich mit den mächtigen Freiern und wendet sich gegen ihre eigentliche Herrin
  • Verrat aus Eigennutz: Melanthios, der Ziegenhirt, unterstützt die Freier aktiv und greift sogar zu den Waffen gegen Odysseus
  • Zurückhaltende Loyalität: Philoitios, der Rinderhirt, hält insgeheim an seiner Treue fest, ohne sich offen zu exponieren, bis Odysseus sich zu erkennen gibt

Diese Gegenüberstellung verschiedener Reaktionsweisen auf dieselbe Ausnahmesituation – die lange Abwesenheit des rechtmäßigen Herrn und die bedrohliche Übermacht der Freier – verleiht der Figur der Melantho zusätzliche thematische Tiefe: Ihr Verrat erscheint nicht als isolierte moralische Verfehlung, sondern als eine von mehreren möglichen Antworten auf eine Situation, in der sich die treuen Diener durch Geduld und verborgene Loyalität auszeichnen, während die untreuen durch Opportunismus und kurzfristigen Vorteil charakterisiert sind.

Melantho: Stationen im Palast von Ithaka

Herkunft und Stellung

Dolios (Vater, treu)

Melantho

Von Penelope selbst aufgezogen

Zentrale Stationen

Bündnis mit Eurymachos – Liebesbeziehung mit einem Freier
Verspottung des Bettlers – Beleidigt den unerkannten Odysseus
Freiermord – Odysseus tötet die Freier im Saal
Hinrichtung – Tod durch Erhängen auf Befehl des Odysseus

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen zu Melantho in der Odyssee

Wer war Melantho in der Odyssee?

Melantho war eine Dienerin im Haus des Odysseus auf Ithaka, Tochter des treuen Dieners Dolios und von Penelope selbst großgezogen. Trotz dieser Fürsorge wandte sie sich während der Abwesenheit des Odysseus von ihrer Herrin ab, verbündete sich mit den Freiern und wurde zur Geliebten des Freiers Eurymachos.

Wie verhielt sich Melantho gegenüber dem verkleideten Odysseus?

Als Odysseus als bettelnder Fremder unerkannt in seinen eigenen Palast zurückkehrte, beschimpfte Melantho ihn wiederholt und respektlos, unter anderem im achtzehnten Gesang. Sie schloss sich damit offen dem Spott der Freier an und zeigte eine Missachtung der Gastfreundschaft, die in deutlichem Kontrast zum Verhalten treuer Diener wie Eumaios stand.

Wie endete Melantho?

Nach dem Freiermord ließ Odysseus die zwölf illoyalen Dienerinnen, darunter Melantho, durch seinen Sohn Telemachos hinrichten. Sie mussten zunächst die Leichen der Freier aus dem Saal tragen und den Boden reinigen, bevor sie gemeinsam an einem Seil im Hof des Palastes erhängt wurden.

Welche Bedeutung hat Melantho für die Gesamterzählung der Odyssee?

Melantho fungiert als Kontrastfigur zur treuen Penelope und zum loyalen Gesinde des Hauses, allen voran Eumaios und Eurykleia. Ihr Verrat und ihre anschließende Bestrafung sind Teil der moralischen Abrechnung am Ende der Odyssee, in der Loyalität belohnt und Verrat unerbittlich bestraft wird.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel basiert auf der primären Quelle der Odyssee Homers, insbesondere den Gesängen 18 bis 22, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der Altphilologie und der Homer-Forschung. Die Angaben spiegeln den aktuellen Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung wider. Alle Angaben ohne Gewähr.

Stand der Informationen: Juni 2026