
Unter den zahlreichen Gefährten, die Odysseus auf seiner zehnjährigen Irrfahrt begleiten und die fast alle namenlos oder nur beiläufig erwähnt bleiben, sticht eine Figur durch ihre wiederholte, aktive Rolle in der Handlung besonders hervor: Eurylochos. Er ist nicht irgendein Gefährte unter vielen, sondern der Schwager des Odysseus, sein ranghöchster Untergebener und in mehreren entscheidenden Episoden der Odyssee eine eigenständige, handlungstreibende Figur mit eigener Stimme und eigenem Willen. Eurylochos ist zugleich Warner und Verführer, zugleich derjenige, der klug vor tödlicher Gefahr zurückschreckt, und derjenige, dessen fatale Entscheidung schließlich den Untergang der gesamten übrigen Mannschaft besiegelt. In seiner Ambivalenz ist er eine der psychologisch interessantesten Nebenfiguren des gesamten Epos.
Die Bedeutung des Eurylochos liegt gerade darin, dass er nicht auf eine einzige Funktion reduzierbar ist. In der Kirke-Episode rettet seine Vorsicht buchstäblich sein eigenes Leben und ermöglicht Odysseus überhaupt erst, seine Gefährten zu befreien. Auf der Fahrt zwischen Skylla und Charybdis tritt er als Sprachrohr der erschöpften und verzweifelten Mannschaft auf. Und auf der Insel Thrinakia wird er schließlich zur zentralen Figur einer der folgenschwersten Episoden der gesamten Odyssee, als er seine Kameraden zu einer Übertretung überredet, die das Ende fast aller Gefährten des Odysseus einläutet. Eurylochos verkörpert damit in einer einzigen Figur das gesamte Spannungsfeld zwischen Vernunft und Verzweiflung, zwischen Loyalität und Meuterei, das die Odyssee als Ganzes durchzieht.
Herkunft und Stellung: Der Schwager des Odysseus
Über die genaue Herkunft des Eurylochos macht Homer nur knappe Angaben, doch eine familiäre Verbindung wird im Text ausdrücklich benannt: Eurylochos ist mit Odysseus verschwägert, nach den meisten Deutungen der Ehemann einer Schwester des Odysseus, wodurch er nicht nur militärisch, sondern auch familiär in engster Beziehung zu seinem Anführer steht. Diese doppelte Bindung – als Untergebener und zugleich als Verwandter – verleiht seiner Figur von Beginn an ein besonderes Gewicht innerhalb der Mannschaft und erklärt zugleich, warum er im Verlauf der Erzählung wiederholt eine Sonderstellung gegenüber den übrigen, namenlosen Gefährten einnimmt.
Innerhalb der Flotte des Odysseus fungiert Eurylochos erkennbar als eine Art zweiter Befehlshaber, dem Odysseus in mehreren kritischen Situationen die Führung eines Erkundungstrupps überträgt, anstatt selbst voranzugehen oder einen namenlosen Gefährten zu bestimmen. Diese Vertrauensstellung zeigt, dass Eurylochos innerhalb der Mannschaftshierarchie unmittelbar unter Odysseus rangiert – eine Position, die seine spätere Konfrontation mit dem Anführer in der Thrinakia-Episode umso bedeutsamer macht, da hier nicht ein beliebiger Untergebener, sondern der engste Vertraute und Verwandte des Odysseus in offenen Widerspruch zu ihm gerät.
Eurylochos bei Kirke: Die rettende Vorsicht
Die erste bedeutende Episode, in der Eurylochos als eigenständige Figur hervortritt, ist die Begegnung mit der Zauberin Kirke auf der Insel Aiaia im zehnten Gesang der Odyssee. Als die erschöpfte Mannschaft nach der Landung die Insel erkundet, entdecken die Männer aus der Ferne Rauch, der auf eine Behausung hindeutet. Odysseus teilt seine Gefährten in zwei Gruppen: Eine Hälfte bleibt bei den Schiffen, die andere, angeführt von Eurylochos, macht sich auf, um das Gebäude zu erkunden. Diese Aufgabenteilung allein zeigt bereits das Vertrauen, das Odysseus in die Führungsfähigkeiten seines Schwagers setzt.
Als die Gruppe unter Eurylochos das Haus der Kirke erreicht, wird sie von der Zauberin scheinbar gastfreundlich empfangen und zu einem Festmahl eingeladen. Nur Eurylochos selbst bleibt misstrauisch zurück, während seine Gefährten das Haus betreten, von Kirke bewirtet werden und daraufhin durch ihren Zaubertrank in Schweine verwandelt werden. Diese entscheidende Vorsicht des Eurylochos – von Homer ausdrücklich als kluges Zögern, als Ahnung einer Falle beschrieben – rettet ihm das Leben und ermöglicht ihm, zu den Schiffen zurückzukehren und Odysseus von dem Unglück zu berichten. Ohne diese Warnung hätte Odysseus möglicherweise nie erfahren, was seinen Gefährten widerfahren war, und wäre selbst arglos in dieselbe Falle getappt.
Eurylochos als die Stimme der Vorsicht
Bemerkenswert ist, dass Eurylochos, nachdem er Odysseus gewarnt hat, diesen eindringlich davon abzuhalten versucht, allein zum Haus der Kirke zu gehen, um die verwandelten Gefährten zu befreien. Er fürchtet, dass Odysseus dasselbe Schicksal erleiden werde, und rät stattdessen zur sofortigen Flucht von der Insel – ein Vorschlag, den Odysseus energisch zurückweist, indem er Eurylochos zwar bei den Schiffen zurücklässt, sich selbst aber mit Hilfe des Gottes Hermes und eines schützenden Krautes namens Moly gegen Kirkes Zauber wappnet und seine Gefährten schließlich erfolgreich befreit. Diese Szene etabliert bereits früh das grundlegende Muster der Beziehung zwischen Odysseus und Eurylochos: Odysseus als der Wagemutige, der bereit ist, Risiken einzugehen, Eurylochos als die Stimme der Vorsicht und des Selbsterhaltungstriebs innerhalb der Mannschaft.
Zwischen Skylla und Charybdis
Im weiteren Verlauf der Irrfahrt tritt Eurylochos erneut als Sprecher der Mannschaft in Erscheinung, insbesondere in den Momenten wachsender Erschöpfung und Verzweiflung, die die Gefährten nach den wiederholten Verlusten und Strapazen der Reise erfasst. Nach der gefährlichen Durchfahrt zwischen den beiden Ungeheuern Skylla und Charybdis, bei der Skylla sechs weitere Gefährten des Odysseus aus dem Schiff reißt und verschlingt, ist es die erschöpfte, traumatisierte Mannschaft, die zunehmend zu einer eigenen, von Odysseus unabhängigen Stimme findet – und Eurylochos ist wiederholt derjenige, der diese kollektive Stimmung in Worte fasst und gegenüber Odysseus artikuliert.
Diese Funktion des Eurylochos als Sprachrohr der Mannschaft ist erzähltechnisch von erheblicher Bedeutung, denn sie erlaubt es Homer, die innere Verfassung der namenlosen Masse der Gefährten über eine konkrete, benannte Figur zu vermitteln, ohne dass Odysseus selbst als unzuverlässiger Erzähler seiner eigenen Mannschaft in den Mund legen müsste, was diese eigentlich denkt und fühlt. Eurylochos fungiert damit als eine Art dramaturgisches Ventil, durch das der wachsende Widerstand und die zunehmende Verzweiflung der Mannschaft gegenüber der immer gefährlicheren Führung des Odysseus zum Ausdruck kommen können.
Die Insel Thrinakia: Eurylochos‘ folgenschwerste Entscheidung
Die bedeutendste und zugleich verhängnisvollste Rolle spielt Eurylochos auf der Insel Thrinakia, der Weideinsel des Sonnengottes Helios, im zwölften Gesang der Odyssee. Bereits im Vorfeld hatten sowohl der blinde Seher Teiresias in der Unterwelt als auch die Zauberin Kirke Odysseus eindringlich davor gewarnt, die heiligen Rinder des Helios auf Thrinakia auch nur anzurühren, da dies den sicheren Untergang aller Gefährten nach sich ziehen würde. Odysseus selbst gibt diese Warnung nach der Landung ausdrücklich an seine Mannschaft weiter und lässt sie sogar schwören, die Tiere nicht anzutasten und sich ausschließlich von den mitgeführten Vorräten zu ernähren.
Doch widrige Winde halten die Flotte einen ganzen Monat lang auf der Insel fest, und die mitgeführten Vorräte gehen zur Neige, während Odysseus sich zum Gebet zurückzieht und einschläft. In dieser kritischen Situation ist es Eurylochos, der vor den hungernden, verzweifelten Gefährten eine folgenschwere Rede hält: Er argumentiert, dass ein Tod durch Hunger der schlimmste aller Tode sei und dass es besser wäre, die Rinder des Helios zu schlachten und den Zorn der Götter zu riskieren, notfalls sogar zu versuchen, den Gott durch die Errichtung eines Tempels nachträglich zu besänftigen, als elend zu verhungern. Diese Rede, eloquent und psychologisch nachvollziehbar vorgetragen, überzeugt die übrigen Gefährten, und sie schlachten trotz des zuvor geleisteten Schwurs mehrere der heiligen Rinder.
Das dramatische Ende von Odysseus‘ Gefährten
Diese Episode markiert den dramatischen Höhepunkt der Figur des Eurylochos, da er hier zum ersten und einzigen Mal nicht als Warner oder vorsichtiger Berater auftritt, sondern aktiv zu einer folgenschweren Übertretung anstiftet, die im direkten Widerspruch zur ausdrücklichen Anweisung des Odysseus und zur göttlichen Warnung steht. Die Konsequenzen sind katastrophal und unmittelbar: Helios beklagt sich bei Zeus über die Frevler, und als die Flotte schließlich wieder in See sticht, sendet Zeus einen Sturm, der das Schiff zertrümmert und alle Gefährten außer Odysseus selbst in den Fluten ertrinken lässt. Odysseus überlebt als einziger, indem er sich an Trümmerteilen des zerstörten Schiffes festklammert und schließlich auf der Insel der Nymphe Kalypso strandet.
Ob auch Eurylochos selbst unter den Ertrunkenen ist, wird im Text nicht ausdrücklich benannt, doch da Odysseus explizit berichtet, dass er als einziger Überlebender aus dem Unglück hervorging, muss auch sein Schwager und ranghöchster Gefährte zu den Opfern dieses letzten, göttlich sanktionierten Untergangs gezählt werden. Die Figur, die durch ihre Vorsicht bei Kirke einst das eigene Leben rettete, wird so durch ihre eigene folgenschwere Rede auf Thrinakia letztlich zur Ursache des eigenen Todes.
| Episode | Rolle des Eurylochos | Folge |
|---|---|---|
| Ankunft bei Kirke | Führer des Erkundungstrupps, bleibt vorsichtig zurück | Rettet sein eigenes Leben, warnt Odysseus |
| Vor der Befreiung der Gefährten | Rät zur sofortigen Flucht statt Rettung | Wird von Odysseus überstimmt |
| Nach Skylla und Charybdis | Sprachrohr der erschöpften Mannschaft | Artikuliert wachsenden Widerstand gegen Odysseus |
| Insel Thrinakia | Überredet die Gefährten zur Schlachtung der heiligen Rinder | Bruch des Schwurs, Zorn des Helios |
| Untergang der Flotte | Mutmaßlich unter den Ertrunkenen | Tod durch den Sturm des Zeus, Odysseus einziger Überlebender |
Eurylochos als literarische Figur: Vernunft, Verzweiflung und Verhängnis
Die literarische Funktion des Eurylochos innerhalb der Odyssee`von Homer lässt sich kaum auf eine einzige, eindeutige Rolle reduzieren, und gerade diese Vielschichtigkeit macht ihn zu einer der interessantesten Nebenfiguren des Epos. In der Kirke-Episode erscheint er als Verkörperung kluger, überlebenssichernder Vorsicht – eine Eigenschaft, die in deutlichem Kontrast zur wagemutigen, manchmal geradezu leichtsinnigen Neugier des Odysseus selbst steht, etwa in der späteren Begegnung mit Polyphem, wo Odysseus durch seine Prahlerei beinahe die gesamte Mannschaft in Gefahr bringt. Auf Thrinakia hingegen wird genau diese Eigenschaft des Eurylochos, gepaart mit der schieren körperlichen Not des Hungers, zur tragischen Ursache seines eigenen Untergangs und des Untergangs fast aller übrigen Gefährten.
In der Forschung wird Eurylochos gelegentlich als Gegenfigur zu Odysseus gedeutet, die zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf existenzielle Bedrohung reagieren können: Wo Odysseus auch in extremer Gefahr auf göttlichen Beistand, List und Selbstbeherrschung setzt, argumentiert Eurylochos pragmatisch und unmittelbar aus der körperlichen Not heraus, ohne die langfristigen religiösen Konsequenzen seines Handelns ausreichend zu bedenken. Diese Gegenüberstellung verstärkt eines der zentralen Themen der gesamten Odyssee: dass Überleben in der von Homer geschilderten Welt nicht allein von Tapferkeit oder Stärke abhängt, sondern von der Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zum Vertrauen auf göttliche Ordnung, selbst und gerade dann, wenn diese Ordnung dem unmittelbaren menschlichen Bedürfnis zuwiderzulaufen scheint.
Eurylochos: Stationen einer ambivalenten Figur
Stellung innerhalb der Flotte
Schwager von
Eurylochos
Ranghöchster Gefährte und Vertrauter des Odysseus
Zentrale Stationen
Charakterlicher Kontrast
↔
Eurylochos: Pragmatismus & Not
Quellen und weiterführende Literatur
Häufige Fragen zu Eurylochos in der Odyssee
Wer war Eurylochos in der Odyssee?
Eurylochos war der Schwager des Odysseus und dessen ranghöchster Gefährte auf der zehnjährigen Irrfahrt. Er tritt in mehreren zentralen Episoden der Odyssee als eigenständige Figur mit eigener Stimme auf, unter anderem bei der Begegnung mit Kirke, während der Durchfahrt zwischen Skylla und Charybdis sowie auf der Insel Thrinakia.
Welche Rolle spielte Eurylochos bei Kirke?
Eurylochos führte den Erkundungstrupp an, der das Haus der Kirke entdeckte. Anders als seine Gefährten, die von Kirke bewirtet und in Schweine verwandelt wurden, blieb Eurylochos aus Vorsicht zurück und konnte Odysseus vor der Gefahr warnen. Diese Umsicht rettete ihm das Leben und ermöglichte die spätere Befreiung der verwandelten Gefährten.
Was geschah mit Eurylochos auf der Insel Thrinakia?
Auf Thrinakia, der Weideinsel des Helios, überredete Eurylochos die hungernden Gefährten dazu, entgegen einem zuvor geleisteten Schwur die heiligen Rinder des Sonnengottes zu schlachten. Er argumentierte, ein Tod durch Hunger sei schlimmer als der Zorn der Götter. Diese Übertretung führte zur Zerstörung des Schiffes durch einen Sturm des Zeus und zum Tod fast aller Gefährten.
Ist Eurylochos beim Untergang der Flotte gestorben?
Der Text der Odyssee benennt Eurylochos‘ Tod nicht ausdrücklich, doch da Odysseus berichtet, als einziger Überlebender aus dem Schiffsuntergang bei Thrinakia hervorgegangen zu sein, muss auch Eurylochos zu den Ertrunkenen gezählt werden. Seine folgenschwere Rede zur Schlachtung der heiligen Rinder wurde damit indirekt auch zur Ursache seines eigenen Todes.
Wie unterscheidet sich Eurylochos charakterlich von Odysseus?
Eurylochos wird meist als Gegenfigur zu Odysseus verstanden: Während Odysseus in Gefahrensituationen auf List, Selbstbeherrschung und Vertrauen in göttlichen Beistand setzt, argumentiert Eurylochos pragmatisch aus unmittelbarer körperlicher Not heraus, ohne die langfristigen religiösen Konsequenzen ausreichend zu bedenken. Dieser Kontrast verdeutlicht ein zentrales Thema der Odyssee: die Bedeutung von Selbstbeherrschung für das Überleben.
Über diesen Artikel
Dieser Artikel basiert auf der primären Quelle der Odyssee Homers, insbesondere den Gesängen 10 bis 12, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der Altphilologie und der Homer-Forschung. Die Angaben spiegeln den aktuellen Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung wider. Alle Angaben ohne Gewähr.
Stand der Informationen: Juni 2026