Die Kikonen in der Odyssee: Plünderung der Stadt Ismaros

Die Kikonen in der OdysseeGleich zu Beginn seiner zehnjährigen Irrfahrt, kaum dass er Troja verlassen hat, trifft Odysseus in der Odyssee auf ein Volk, das in der populären Wahrnehmung meist im Schatten der späteren, spektakuläreren Abenteuer steht: die Kikonen. Kein Zyklop, keine Zauberin, kein Ungeheuer – nur ein thrakisches Volk und eine befestigte Stadt namens Ismaros. Und doch ist diese vergleichsweise kurze Episode zu Beginn des neunten Gesangs alles andere als eine Nebensächlichkeit. Sie ist der erste Wendepunkt der gesamten Heimfahrt, der Moment, in dem sich das Schicksal des Odysseus und seiner Gefährten entscheidend zu verschlechtern beginnt, und sie enthält bereits im Kleinen fast alle Motive, die die gesamte Odyssee durchziehen: menschliche Gier trotz göttlicher Warnung, das Versagen der Selbstbeherrschung, die Bestrafung durch eine höhere Macht und den fatalen Kontrast zwischen kurzfristigem Gewinn und langfristigem Verlust.

Die Kikonen-Episode markiert zudem den Übergang von der geschichtlich verankerten Welt des Trojanischen Krieges in die zunehmend mythische, von Fabelwesen und Zauberei geprägte Welt der eigentlichen Irrfahrt. Ismaros liegt noch in einer real existierenden, geographisch verortbaren Region Thrakiens, unweit der thrakischen Küste gegenüber der Insel Lemnos – ein letzter Anknüpfungspunkt an die reale Geographie, bevor Odysseus in unbekannte, von den Göttern und Monstern beherrschte Gewässer abgetrieben wird. Wer die Kikonen-Episode genau betrachtet, versteht damit nicht nur ein einzelnes Abenteuer, sondern den strukturellen Auftakt zu allem, was danach folgt.

Wer waren die Kikonen? Ein thrakisches Volk in der Odyssee

Die Kikonen sind in der griechischen Überlieferung ein reales, historisch bezeugtes thrakisches Volk, das an der Nordküste der Ägäis siedelte, in der Region um die Stadt Ismaros, nahe der Mündung des Flusses Hebros im heutigen Nordgriechenland beziehungsweise der europäischen Türkei. Anders als viele spätere Stationen der Odyssee, die in mythischen, oft unlokalisierbaren Räumen spielen, war das Land der Kikonen für die antiken Griechen eine geographisch reale Gegend, die auch in anderen Quellen der antiken Literatur erwähnt wird. Bereits in der Ilias treten die Kikonen als Verbündete Trojas auf, angeführt von ihrem Fürsten Euphemos, was ihre Feindschaft gegenüber den heimkehrenden Griechen nach dem Fall Trojas historisch und narrativ konsequent erscheinen lässt.

In der Odyssee wird diese Vorgeschichte nicht explizit ausgeführt, doch der Kontext ist eindeutig: Odysseus und seine zwölf Schiffe verlassen Troja und werden vom Wind zunächst nach Ismaros getrieben, der befestigten Hauptstadt der Kikonen. Da die Kikonen als Bündnispartner Trojas galten, betrachtet Odysseus sie offenbar als legitimes Ziel eines Beutezugs – eine in der homerischen Welt keineswegs ungewöhnliche Praxis, denn die Plünderung feindlicher Küstenstädte auf dem Heimweg von einem Krieg galt als akzeptierte Form der Kriegsbeute, ähnlich der Praxis, die auch Odysseus in seinen späteren, teils erfundenen Lebensgeschichten gegenüber anderen Figuren als selbstverständlich schildert.

Die Plünderung von Ismaros: Erfolg und Übermaß

Der Überfall auf Ismaros verläuft zunächst vollkommen nach Plan. Odysseus und seine Männer erobern die Stadt, töten die männlichen Verteidiger, nehmen die Frauen gefangen und teilen die Beute – Vieh, Wein und weitere Wertgegenstände – untereinander auf, wie es der homerischen Beuteordnung entspricht, die eine gerechte Verteilung unter allen Beteiligten vorschreibt, um Streit innerhalb der Mannschaft zu vermeiden. An dieser Stelle berichtet der Erzähler von einer bemerkenswerten Einzelheit, die für den weiteren Handlungsverlauf noch entscheidend werden sollte: Unter den Bewohnern von Ismaros befand sich ein Priester des Apollon namens Maron, dem Odysseus aus Ehrfurcht vor dessen heiligem Amt verschont und ihn samt seinen Angehörigen in seinem heiligen Bezirk zurücklässt. Aus Dankbarkeit beschenkt Maron Odysseus mit außergewöhnlich starkem, süßem Wein sowie mit Gold und Silber – ein Wein, der später im Verlauf der Odyssee, in der berühmten Begegnung mit dem Kyklopen Polyphem, eine entscheidende Rolle spielen wird, da Odysseus mit genau diesem Wein den Zyklopen betrunken macht, um ihn zu blenden und zu entkommen.

Nach der erfolgreichen Plünderung drängt Odysseus seine Gefährten mit Nachdruck, sich sofort wieder einzuschiffen und die Region zu verlassen, solange der Vorteil des Überraschungsangriffs noch besteht. Doch hier zeigt sich zum ersten Mal ein Motiv, das für die gesamte Odyssee charakteristisch werden wird: das Unvermögen der Gefährten, auf die Warnungen ihres Anführers zu hören, sowie ihre Neigung, kurzfristigen Genuss über langfristige Sicherheit zu stellen. Die Männer weigern sich, sofort aufzubrechen. Sie schlachten Schafe und Rinder aus der erbeuteten Herde, trinken den erbeuteten Wein in großen Mengen und feiern ausgelassen am Strand, während Odysseus vergeblich zur Eile mahnt.

Der Gegenangriff der Kikonen: Strafe für das Übermaß

Diese Verzögerung erweist sich als folgenschwerer Fehler. Die überlebenden Kikonen aus dem Landesinneren, die vom Angriff auf Ismaros erfahren haben, sammeln in der Nacht Verstärkung von benachbarten Stämmen und greifen die feiernden Griechen bei Tagesanbruch mit überlegener Streitmacht an. Homer betont ausdrücklich, dass diese Verstärkungstruppen den ursprünglichen Verteidigern von Ismaros an Zahl und Kampfkraft deutlich überlegen waren, vergleichbar mit den Blättern und Blüten, die im Frühling aus der Erde sprießen – ein Bild, das die schiere Masse der anrückenden Krieger verdeutlicht. Die Griechen, geschwächt durch Alkohol, Übermüdung und mangelnde Wachsamkeit, werden von diesem Gegenangriff überrascht und in einen erbitterten Kampf gezwungen, der den ganzen Tag über andauert.

Erst als die Sonne sich zum Untergang neigt, gelingt es Odysseus und den überlebenden Gefährten, sich zurück zu ihren Schiffen zu kämpfen und mit knapper Not zu entkommen. Der Preis dieses Rückzugs ist jedoch erheblich: Odysseus verliert nach eigenem Bericht sechs Männer von jedem seiner zwölf Schiffe – also insgesamt zweiundsiebzig Krieger, eine der schwersten Verlustzahlen der gesamten Irrfahrt in einer einzelnen Episode. Odysseus selbst schildert diesen Verlust später gegenüber den Phäaken mit sichtlichem Bedauern und benennt ihn ausdrücklich als direkte Folge des Ungehorsams seiner Gefährten gegenüber seiner Warnung zur Eile.

Der Sturm des Zeus und der Übergang in die mythische Welt

Unmittelbar nach der Flucht von Ismaros folgt ein zweites, ebenso folgenreiches Ereignis: Zeus sendet einen gewaltigen Nordsturm, der die Flotte des Odysseus tagelang über das Meer treibt und sie schließlich weit von ihrem eigentlichen Kurs, dem direkten Heimweg nach Ithaka, abbringt. Dieser Sturm ist in der Erzähllogik der Odyssee kein Zufall, sondern von zentraler struktureller Bedeutung: Er markiert den Punkt, an dem Odysseus endgültig aus der bekannten, geographisch verortbaren Welt der historischen Ägäis in die unbekannten, von Fabelwesen bevölkerten Gewässer der eigentlichen Irrfahrt hinausgetrieben wird. Ohne diesen Sturm hätte Odysseus vermutlich einen vergleichsweise unspektakulären Heimweg entlang bekannter Küsten zurücklegen können; mit ihm beginnt die Odyssee im eigentlichen Sinne – die Begegnung mit den Lotophagen, dem Kyklopen Polyphem, Aiolos, den Laistrygonen, Kirke und schließlich der Unterwelt.

In der Forschung wird diskutiert, inwieweit dieser Sturm bereits als göttliche Strafe für das Verhalten in Ismaros zu verstehen ist oder ob er eine eigenständige, davon unabhängige Fügung darstellt. Der Text selbst legt nahe, dass beide Ereignisse – die verlustreiche Plünderung und der anschließende Sturm – gemeinsam eine erste Kette von Rückschlägen bilden, die Odysseus‘ Hybris, seinen Übermut, unmittelbar nach dem triumphalen Sieg über Troja bestrafen. Diese Deutung fügt sich in das größere thematische Muster der Odyssee, in dem wiederholt gezeigt wird, wie unbeherrschtes menschliches Handeln – sei es durch Odysseus selbst, etwa später bei der Verspottung Polyphems, sei es durch seine Gefährten, etwa beim Verzehr der Rinder des Helios – göttliche Strafen nach sich zieht.

Der Wein des Maron: Eine folgenreiche Nebenfigur

Von besonderer erzähltechnischer Bedeutung ist die kurze, fast beiläufig eingeführte Figur des Maron, des Apollon-Priesters von Ismaros. Homer beschreibt den von Maron geschenkten Wein mit auffälliger Detailfreude als außergewöhnlich stark und von solcher Qualität, dass er normalerweise im Verhältnis von zwanzig Teilen Wasser zu einem Teil Wein gemischt wurde und selbst in dieser starken Verdünnung noch einen betörenden Duft verströmte. Diese ausführliche Beschreibung wäre innerhalb der kurzen Ismaros-Episode selbst kaum gerechtfertigt, wenn der Wein nicht später eine entscheidende Funktion im Kyklopen-Abenteuer übernehmen würde: Es ist exakt dieser Wein des Maron, mit dem Odysseus Polyphem betrunken macht, bevor er dessen einziges Auge blendet und mit seinen Gefährten aus der Höhle entkommt.

Diese enge erzählerische Verknüpfung zwischen der Kikonen-Episode und dem späteren Polyphem-Abenteuer zeigt, wie sorgfältig die Odyssee als Gesamtkomposition angelegt ist. Ein scheinbar nebensächliches Detail aus der ersten, vergleichsweise kurzen Station der Irrfahrt erweist sich mehrere Gesänge später als notwendige Voraussetzung für das Überleben des Odysseus in einer der berühmtesten Episoden des gesamten Epos. Die Verschonung Marons aus religiöser Ehrfurcht wird damit rückblickend zu einer klugen, wenn auch zunächst unbewussten Investition in die eigene Zukunft – ein Kontrast zur unbedachten Gier der Gefährten am Strand von Ismaros, die ihnen unmittelbar zum Verhängnis wird.

Ereignis Beteiligte Folge
Eroberung von Ismaros Odysseus, seine Gefährten, die Kikonen Beute an Vieh, Wein und Wertgegenständen
Verschonung des Maron Odysseus, Maron (Apollon-Priester) Geschenk von starkem Wein, Gold und Silber
Feiern statt Aufbruch Die Gefährten des Odysseus Verlust der Wachsamkeit, Ungehorsam gegenüber Odysseus
Gegenangriff der Kikonen Verstärkte Kikonen-Truppen aus dem Landesinneren Verlust von 72 Gefährten (sechs pro Schiff)
Sturm des Zeus Zeus, die gesamte Flotte des Odysseus Abtrieb vom Kurs, Beginn der eigentlichen Irrfahrt

Die Bedeutung der Kikonen-Episode für die Gesamtstruktur der Odyssee

Innerhalb der Odyssee nimmt die Kikonen-Episode eine besondere strukturelle Stellung ein: Sie ist Teil jenes großen Rückblicks, den Odysseus selbst am Hof der Phäaken auf der Insel Scheria vorträgt, beginnend mit dem neunten Gesang. Anders als etwa die Ereignisse auf Ithaka oder die Handlungen der Telemachie, die der Erzähler in der dritten Person schildert, erfahren die Leser von den Kikonen ausschließlich durch die eigene, subjektiv gefärbte Erzählung des Odysseus. Dies wirft eine interessante Frage auf, die in der Forschung wiederholt diskutiert wurde: Inwieweit ist Odysseus als Erzähler seiner eigenen Verfehlungen verlässlich, und welche rhetorische Funktion erfüllt sein Eingeständnis eigener Fehler – etwa die Weigerung seiner Männer, seiner Mahnung zu folgen – vor einem Publikum, dessen Gunst und Gastfreundschaft er zu diesem Zeitpunkt dringend benötigt?

Zugleich etabliert die Kikonen-Episode bereits zu Beginn der Irrfahrt ein Muster, das sich durch die gesamte Odyssee zieht: Odysseus als grundsätzlich besonnener, vorausschauender Anführer, dessen Warnungen von seinen impulsiveren Gefährten wiederholt ignoriert werden, mit katastrophalen Folgen für die Mannschaft, während Odysseus selbst überlebt. Dieses Muster wiederholt sich in abgewandelter Form beim Verzehr der Rinder des Helios auf Thrinakia, wo erneut der Ungehorsam der Gefährten zu ihrem endgültigen Untergang führt, während Odysseus als einziger Überlebender zurückbleibt. Die Kikonen-Episode fungiert damit als eine Art narrativer Prototyp für das zentrale Thema der gesamten Heimkehr: Selbstbeherrschung als Voraussetzung für Überleben, und deren Fehlen als Ursache für Verlust und Tod.

Die Kikonen-Episode: Ablauf und Folgen

Ausgangslage

Abfahrt von Troja
Zwölf Schiffe des Odysseus

Ereigniskette in Ismaros

Plünderung der Stadt – Beute und Gefangene
Verschonung des Maron – Geschenk: starker Wein
Feiern statt Abfahrt – Ungehorsam der Gefährten
Gegenangriff der Kikonen – Verlust von 72 Männern

Weitreichende Folgen

Sturm des Zeus

Abtrieb vom Kurs

Beginn der eigentlichen Irrfahrt

Der Wein des Maron wird später entscheidend bei Polyphem

Quellen und weiterführende Literatur

Häufige Fragen zu den Kikonen in der Odyssee

Wer waren die Kikonen in der Odyssee?

Die Kikonen waren ein reales thrakisches Volk, das an der Nordküste der Ägäis, in der Region um die Stadt Ismaros, siedelte. Sie werden bereits in der Ilias als Verbündete Trojas erwähnt. In der Odyssee sind sie das erste Volk, auf das Odysseus nach der Abfahrt von Troja trifft, als Wind seine zwölf Schiffe zu ihrer Hauptstadt Ismaros treibt.

Was geschah bei der Plünderung von Ismaros?

Odysseus und seine Gefährten erobern die Stadt Ismaros, töten die männlichen Verteidiger und nehmen Beute sowie Gefangene. Odysseus verschont den Apollon-Priester Maron, der ihm daraufhin außergewöhnlich starken Wein sowie Gold und Silber schenkt. Statt sofort abzureisen, feiern die Gefährten am Strand, was ihnen zum Verhängnis wird.

Wie endete der Konflikt mit den Kikonen?

Die überlebenden Kikonen holten Verstärkung aus dem Landesinneren und griffen die feiernden, geschwächten Griechen bei Tagesanbruch an. Nach einem Kampf, der den ganzen Tag dauerte, gelang Odysseus und den Überlebenden die Flucht zu den Schiffen, doch er verlor sechs Männer von jedem seiner zwölf Schiffe – insgesamt 72 Gefährten.

Welche Rolle spielt der Wein des Maron später in der Odyssee?

Der von Maron geschenkte, außergewöhnlich starke Wein wird später zur entscheidenden Waffe im Kyklopen-Abenteuer: Odysseus nutzt genau diesen Wein, um Polyphem betrunken zu machen, bevor er dessen Auge blendet und mit seinen Gefährten aus der Höhle entkommt. Die Verschonung Marons erweist sich damit rückblickend als überlebenswichtige Entscheidung.

Welche Bedeutung hat die Kikonen-Episode für die gesamte Odyssee?

Die Kikonen-Episode markiert den Übergang von der real verorteten Welt des Trojanischen Krieges in die mythische Welt der eigentlichen Irrfahrt, eingeleitet durch einen Sturm des Zeus, der die Flotte vom Kurs abbringt. Zugleich etabliert sie ein zentrales Motiv der Odyssee: den Ungehorsam der Gefährten gegenüber Odysseus‘ Warnungen und die daraus folgenden fatalen Konsequenzen, ein Muster, das sich später etwa beim Verzehr der Rinder des Helios wiederholt.

Über diesen Artikel

Dieser Artikel basiert auf der primären Quelle des neunten Gesangs der Odyssee Homers sowie ergänzenden Hinweisen aus der Ilias, ergänzt durch anerkannte Standardwerke der Altphilologie und der Homer-Forschung. Die Angaben spiegeln den aktuellen Stand der literaturwissenschaftlichen Forschung wider. Alle Angaben ohne Gewähr.

Stand der Informationen: Juni 2026